Von den Brüdern und Schwestern des Ikarus

Rufender Kolkrabe in der Abenddämmerung
 Ikarus ist der Sohn des Dädalus. Die griechische Mythologie berichtet, dass beide von König Minos im Labyrinth des Minotauros auf Kreta gefangen gehalten wurden. Da Minos die Seefahrt kontrollierte, erfand Daedalus Flügel für sich und seinen Sohn. Es war ihr Traum, Vögeln gleich, ihrer Gefangenschaft zu entfliehen. Dazu befestigte er Federn mit Wachs an einem Gestänge. Vor dem Start schärfte er Ikarus ein, nicht zu hoch und nicht zu tief zu fliegen, da sonst die Feuchte des Meeres beziehungsweise die Hitze der Sonne zum Absturz führen würde. Ikarus ignorierte die Warnungen seines Vaters und in jugendlichem Übermut stieg er so hoch, daß die Hitze der Sonne das Wachs seiner Flügel schmolz und er im Meer zu Tode stürzte.

Ganz im Gegensatz zu Ikarus und Dädalus sind Vögel zum Fliegen bestimmt. In ihrem Körperbau verbinden sich äußerste Leichtigkeit mit höchster Festigkeit. Ein Querschnitt des Oberarms der meisten Vögel zeigt, wie Gewicht gespart und Festigkeit gewonnen wird, ein ideales Vorbild nicht nur für den modernen Flugzeugbau. Lufthaltige Hohlräume mit kreuzweisen Verstrebungen verstärken den Vogelknochen. Diese lufthaltigen Hohlräume findet man noch in vielen anderen Vogelknochen, besonders bei größeren Arten, die auch sehr hoch fliegen.

Ein Vogel hat rund 175 verschiedene Muskeln; sie geben Kraft und Ausdauer für den Vogelflug. Am größten sind die Brustmuskeln, deren Kontraktion die Flügel kräftig abwärts bewegt. Bei den meisten Vögeln machen die Brustmuskeln rund 15 % des gesamten Körpergewichtes aus. Bei sehr ausdauernden und schnellen Fliegern, wie etwa den Tauben, beträgt der Anteil des Brustmuskeln am Körpergewicht sogar ein Drittel. Zum Fliegen werden jedoch noch weit mehr Muskeln beansprucht. Die hohen Anforderungen des Fliegens sorgen für einen weitgehend gleichen Körperbau. Bei Wirbeltieren, die dem Erdboden verhaftet blieben, konnten sehr unterschiedliche Formen, wie die des Elefanten und der Schlange entstehen. Dem Skelett einer Krähe liegt jedoch der gleiche Bauplan zugrunde, wie dem der Ente, eines Reihers oder Zaunkönigs.

Es müssen Rabenvögel gewesen sein, die Dädalus auf die Idee brachten, es den Vögeln gleich zu tun. Besonders im Spätherbst, wenn heftige Winde über die weite Flur toben, lassen sich minutenlange, sehenswerte Flugmanöver beobachten. Saatkrähen spielen dann regelrecht mit dem Wind und ihrer Luftakrobatik ist die Freude anzusehen, die diese Vögel dabei empfinden müssen. Unumstrittener Meister solcher Flugschauspiele ist jedoch der König der Rabenvögel, der Kolkrabe. Auch er zeigt atemberaubende Sturzflüge verbunden mit einer Leichtigkeit beim Wiederaufstieg, welche einfach fasziniert.

Wer über Vogelschutz schreibt und über Natur- und Umweltschutz spricht, ist aufgefordert, auch und gerade in diesem Zusammenhang, auf das Schicksal der Rabenvögel zu verweisen. Jäger schießen im Frühjahr landauf, landab die Horste aus; Anwohner beklagen sich über den Lärm brütender Vögel vor ihren Häusern und reißen die Nester aus den Bäumen; Landwirte legen Giftköder aus und die Behörden erteilen munter Ausnahmegenehmigungen von den Schutzbestimmungen. Rabenvögel können lästig sein, das ist unbestritten und wenn man sieht, wie sie ein Amselnest plündern, kann einem auch als Vogelschützer der Kamm schwellen.  Und dennoch - Rabenvögel sind ein wertvolles Mosaiksteinchen im ökologischen Gesamtbild und der göttlichen Schöpfung. Die Brüder und Schwestern des Ikarus haben Besseres verdient, als gejagt und ausgerottet zu werden. Mit den Seiten dieses Kapitels will ich um mehr Verständnis und Wissen für diese Vögel werben. 





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